-ein paar zusammenfassende Gedanken zu einzelnen Aspekten der Reise-
80 Tage bis zum Nordkap war das Ziel für mein Fahrrad und mich. In 78 habe ich es geschafft. Dass ich schneller war, lag nicht an den größeren Tagesleistungen, sondern einzig und allein am Wetter. Durch den Regen habe ich eine Sonderrunde auf den Lofoten und eine Wanderung auf die „Sieben Schwestern“ bei Monhatten und die Übernachtung auf dem Campingplatz am Monhatten weggelassen und dadurch 2 Tage gewonnen.
Die körperliche Anstrengung ist nur in der ersten Zeit das Hauptthema der eigenen Gedanken. -Das stimmt so nicht.- Bis zum letzten Anstieg zum Nordkap habe ich es als Anstrengung empfunden. Es wird nur mit der Zeit leichter die Anstrengungen zu ertragen. Sie gehören zum Tagesablauf dazu.
Zu Beginn der Reise war es jeden Morgen eine kleine Willensanstrengung aus dem Zelt zu krabbeln, alles einzupacken und sich dann auf den Weg zu machen. Getoppt wird das, wenn es morgens beim Aufwachen bereits in Strömen regnet. Aber das Überwinden des Aufbruchs wird immer einfacher und zur Gewohnheit. Irgendwann wusste ich, dass und wie ich alles im Zelt einpacken kann und dass ich auch das Zelt abbauen kann, ohne dass das Innenzelt nass wird.
Der Regen hat einen großen Teil meiner Tour in Norwegen bestimmt. Aber auch das ist händelbar, wenn man, wie ich, abends nach Möglichkeit einen Campingplatz ansteuert. Neben der Möglichkeit in irgendwelchen Aufenthaltsräumen seine Sachen zu trocknen, gibt es auf den meisten Campingplätzen inzwischen Waschmaschinen und Trockner. Trotzdem nimmt das Trocknen von Strümpfen, Hosen, T-shirts, Sweatshirts und Unterwäsche und teilweise auch des Zeltes einen Großteil der Ruhezeiten ein.
Das Gefühl, dass ich möglicherweise die Tour nicht schaffe, körperlich nicht schaffe, hatte ich nur in den ersten Tagen in Norwegen. Man hat ja schließlich den ganzen Tag nichts anderes vor, außer an dem Ort anzukommen, den man sich vorgenommen hat. Und die Tage in Norwegen sind lang im Sommer und werden immer länger, je weiter man nach Norden kommt. Nördlich des Polarkreises enden sie dann über lange Zeit gar nicht mehr.
Alleine fahren ist eine gute Sache. Ich achte auf mich, auf meine Umgebung und habe Zeit Menschen zu beobachten, die mir entgegenkommen oder die mir auf dem Campingplatz begegnen. Außerdem merke ich sehr schnell, dass es keinen Grund gibt mich wortreich über die Fahrt, das Wetter, den Berg, den Verkehr oder die Routenführung zu beklagen. Außer mir selber, hört keiner zu.
Ich bin offen für neue Bekanntschaften und Gesprächen mit mir fremden Menschen. Manchmal bin ich aber auch sehr alleine.
Da ist es doch toll, wenn ich mit ein oder zwei anderen zusammen fahre. Ich kann immer mit jemandem reden. Geteiltes Leid ist halbes Leid, kann ich mir einreden. Natürlich wird das eigene Leid keinen Deut weniger, aber ich kenne jedenfalls jemanden, der im gleichen Moment das gleiche erleidet. Ob er das ebenso empfindet wie ich kann ich herausfinden, indem wir uns gegenseitig unser Leid klagen. Es stellt sich die Frage, ob das Leid dadurch gefühlt besser wird oder erst ein richtiges wird, weil wir uns beide dasselbe klagen.
Die Landschaft, das habe ich an den einzelnen Tagen schon fast zur Genüge geschrieben, ist beeindruckend, berauschend, überwältigend…. Und es mag sein, dass ich da besonders empfindlich bin, aber die Schönheit der Landschaft und der Gedanke daran, dass wir gerade alles dafür tun sie durch den von uns verursachten Klimawandel zu zerstören, treiben mir regelmäßig die Tränen in die Augen.
Verblüffend, wie schnell ich Menschen, die ich treffe in Schubladen einordne. Verblüffend auch, dass, wenn ich sie näher kennenlerne, sie sich häufig als jemand ganz anderes herausstellen, der auf keinen Fall in der richtigen Schublade eingeordnet ist/war. Ich habe so manchen sehr interessanten Menschen kennengelernt. Menschen, mit denen ich niemals zusammengekommen wäre, wenn ich die Reise nicht gemacht hätte. Menschen, mit denen ich wahrscheinlich nie ein Wort gewechselt hätte, wenn uns nicht das gemeinsame Ziel, mit dem Fahrrad zum Nordkap schon vor dem ersten Wort zu Verbündeten gemacht hätte. Nicht jeden Verbündeten muss man lieb gewinnen, aber es ist eine gute Grundlage um Freundschaften aufzubauen. Und gemeinsame Erlebnisse schaffen gemeinsame Erinnerungen. Ein Fundament auf dem man ewig aufbauen kann.
Am Ende muss ich sagen, dass es mir leicht fällt Kompromisse einzugehen, wenn ich im Gegenzug die Gesellschaft angenehmer Menschen dafür bekomme.
Ich fahre mit dem Rad zum Nordkap. Eine Idee, die ich verbreitet habe und von der ich nicht ohne Gesichtsverlust wieder hätte zurücktreten können. Ich bin froh, dass ich die Reise gemacht habe. Es ist ein Erlebnis, von dem ich zehren kann. Eine Erfahrung, die nach mehr (Meer) ruft. Im nächsten Sommer will ich von Hamburg nach Brest, immer an der Nordsee entlang. Mal sehen, ob Ina mitfährt. Regelmäßig so lange Touren zu machen würde jedoch eine Änderung meiner Wohnverhältnisse und vor allem der Grundstücksgröße bedeuten. Ein oder zwei kleine Touren im Jahr tuen es aber auch.
Ein Reisetagebuch zu führen hilft den Erinnerungen und hilft die Entwicklungen in sich selbst nachzuvollziehen. Ich sollte immer ein Tagebuch führen.
Es fällt mir schwer mich für das „normale Leben“ wieder zu begeistern. Ich wusste nicht, dass ich gerne auch ein Reisender bin.

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